Der Internationale Begegnungsgarten
Wie ein Gemeinschaftsgarten in Lautertal die Sprachkenntnisse wachsen lässt. Ein Artikel von Christine Bühling, Ilona Jakob und Mehdi Navaee Sahzabi.
Mit der großen Flüchtlingswelle 2015 kamen zahlreiche Geflüchtete aus verschiedenen Ländern nach ganz Deutschland und zum ersten Mal auch ins oberfränkische Lautertal. Als ihre neuen Nachbarn konnten wir nicht anders als helfen. So bildeten wir aus der kirchlichen Unterstützung den Lautertaler „Asylkreis“ für die Geflüchteten aus Syrien, Irak, Iran, Georgien, Aserbaidschan und Eritrea.
Vom ersten Kennenlernen…
Eine jesidische Familie etwa kam mit Vater und Mutter, ihren sechs leiblichen und zwei weiteren Kindern an. Der Vater stellte in schlechtem
Deutsch zunächst nur Forderungen. Er dachte, wir wären von den Behörden. Durch die vielen Kinder war es so chaotisch, dass wir total überfordert waren. Nach dieser Begegnung wollten wir da NIE wieder hin! Doch es kam anders – inzwischen sind wir Freunde geworden. Zusammen haben
wir viel gefeiert, die Kultur der jeweils anderen kennengelernt, aber auch viele traurige Momente geteilt, vor allem, wenn es [in unseren Gesprächen] um den Genozid der Jesiden im Irak ging. Unsere neuen Freund:innen wohnen heute in einer großen jesidischen Gemeinde in Norddeutschland. Wir haben weiterhin Kontakt, sie sehnen sich nach uns und Lautertal. Nachdem wir die vielen Familien mit gespendeten Möbeln und Hausrat ausgestattet hatten, unterstützten wir sie im Sprachkurs, bei Behördengängen sowie in der Schule, im Kindergarten und begleitend zum Beruf. Zudem benötigten die Geflüchteten einen Ort, an dem sie sich mit uns und anderen treffen konnten.
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Wir sind begeistert, mit welcher Leidenschaft und welchem Einsatz unsere neuen Freund:innen „ihren Garten” hegen und
pflegen. Das Allerbeste ist, dass auch wir viel dazugelernt haben,
z. B. wird nun Portulak angebaut, ein bei uns in Vergessenheit geratenes Gemüse.
Ein Ehrenamtlicher aus dem Projekt
…zum Internationalen Begegnungsgarten
Auf einer Brachfläche von 1600 m² haben wir gemeinsam einen Garten mit eigenen Beeten für den Gemüseanbau
angelegt. Hinzu kamen Blumenbeete und eine Bienenwiese. Geflüchtete aus unterschiedlichen Nationen und unterschiedlicher Religionen arbei
ten hier friedlich zusammen. Da ihre Wohnungen klein sind, feiern wir viele Geburtstage im Garten. Mit landestypischem Essen, Musik und Tänzen. Wir lernen viel voneinander – nicht nur übers Gärtnern. Mit Unterstützung der lagfa und der Gemeinde haben wir Gartengeräte, Pflanzen, Samen und vieles mehr gekauft. Gemeinsame Aktionen, wie den Osterbrunnen schmücken oder Malen für den Frieden, kommen super an. Einmal im Jahr feiern wir ein wunderschönes Sommerfest in unserem Internationalen Begegnungsgarten. Nachdem wir lange Wasser mit Eimern aus der nahegelegenen Lauter geholt hatten, wurde uns aus dem Nachlass einer Familie am Bodensee vor zwei Jahren ein Brunnen mit einer Handpumpe gespendet. Eine riesige Erleichterung und große Freude! Auch die Lautertaler nehmen den Garten und die Geflüchtetenarbeit gut und ohne Ausländerfeindlichkeit an
Hier wächst etwas Großes heran
Ein besonderes Beispiel für unser Motto „Durch Sprache Wurzeln schla gen“ ist der Iraner Mehdi: „Nachdem ich über Umwege 2016 nach Lautertal kam, durfte ich zwar an einem Sprach und Integrationskurs teilnehmen, aber ohne Arbeitserlaubnis. So saß ich zu Hause und wurde immer depressiver. Der Garten war meine Rettung!
Da ich viel Zeit hatte, war ich fast jeden Tag dort. Mit meinen vier ‚Ersatzmüttern‘ lernte ich dort viel über Pflanzen und deren Anbau sowie neben bei die deutsche Um gangssprache und die deutsche Kultur. Meine ‚Ziehmutter‘ brachte mir die beste Verarbeitung der Ernte bei. Was mir am meisten im Garten gefällt: Jede Person, die das möchte, kann ein eigenes Beet bewirtschaften.
So wuchs der Wunsch in mir, eine Ausbildung zum Gärtner zu machen. Trotz Zusage für eine Gärtnerlehre stimmte die zentrale Ausländerbehörde nicht zu. Mit Hilfe aus dem Helferkreis, viel Schriftverkehr und hervorragender kirchlicher Unterstützung bekam ich endlich die Ausbildungsgestattung. Zu spät für die Lehre zum Gärtner, deshalb entschied ich mich für eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer ab Oktober 2022. Bei der Arbeit im Seniorenheim profitiere ich von den vielfältigen Arbeiten im Gemeinschaftsgarten. Ich kann mich mit den Bewohner:innen über alle Garten themen unterhalten, was ihnen sehr gut gefällt. Und ich verstehe sie auch gut, wenn sie mir ihre Sorgen erzählen. Ich bin sehr dankbar für meine Erfahrungen im Garten.“
Der “Internationale Begegnungsgarten” wurde von uns finanziell unterstützt.
Sprache schafft Chancen: Sprachprojekte
Mit der Förderung von Sprachprojekten unterstützen wir Begegnungs- und Austauschprojekte sowie Projekte zur Heranführung an den Arbeitsmarkt von Freiwilligenagenturen mit bis zu 9.000 Euro.
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